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Kapitel 26: Im Meer

Peter konnte nicht schwimmen. Er würde also sterben und er wusste es schon in dem Augenblick, als Slank ihn hochhob und über die Reling der Niemalsland schleuderte. Er hatte natürlich große Angst. Gleichzeitig – als er durch die Luft wirbelte – war ihm die Angst völlig bewusst. Als ob es die Angst eines anderen wäre. Er spürte den Schmerz in seinem Kopf und hörte Mollys verzweifelte Schreie vom Deck und das Heulen des Windes. Alles um ihn herum war klar und deutlich. Es geschieht alles so langsam. Aber es geschah nicht langsam. Es passierte sehr schnell. Peter wusste auch das. Es war nur so, dass er viel schneller denken konnte, seit er die Truhe berührt hatte. Er konnte sogar darüber nachdenken, wie schnell er jetzt über Dinge nachdachte. Aber ich werde trotzdem sterben.

Peter sah, dass er in einem Tal zwischen zwei Wellen landen würde. Soll ich die Luft anhalten? Er sah, dass eine der Wellen etwas höher war als die andere und dass im strudelnden Schaum Seegras schwamm. Wenn ich die Luft anhalte, dauert es länger, bis ich tot bin. Ist das gut oder schlecht? Er beschloss, die Luft anzuhalten und seinen Körper so zu drehen, dass er beim Eintauchen ins Wasser das Schiff sah. Konnte ja sein, dass ihm jemand ein Seil zuwarf! Slank wirft mir bestimmt kein Seil zu ... Er hielt die Luft an und schaffte es, seinen Körper zu drehen, bevor er auf dem Wasser aufschlug. Als sein linkes Bein ins Wasser tauchte, blickte er hoch. Es ist kalt. Dann sein rechtes Bein, dann seine Taille und dann ... Was ist das?

Er spürte im Rücken einen plötzlichen Schmerz, als ob er auf etwas Stumpfem gelandet wäre und ... Was passiert mit mir? Peter merkte, dass sich sein Körper aus der Welle hob – ganz aus der Welle heraus und in den Wind hinein. Ich bin ... wie die Ratte. Wie Molly ... Er drehte sich um und sah, dass er einen Meter hoch über dem Wasser schwebte, dass er über den Kämmen der Wellen driftete und der Wind ihn von der Niemalsland forttrieb. Er hörte merkwürdige Laute, schaute ins Wasser und sah eine vertraute runde Schnauze. Der Delfin. Er hat mich aus dem Meer geschoben. Er zwitscherte und schnatterte, aber Peter hatte keine Ahnung, was er sagte.

Peter war sicher, dass es der große Delfin war, mit dem Molly geredet hatte. Ammm hatte sie ihn genannt. Der Delfin schwamm auf die Niemalsland zu, die immer kleiner wurde, dann wieder zurück zu Peter, dann wieder in Richtung des Schiffes, dann zurück. Mehr Gezwitscher. Ich soll ihm folgen. Peter ruderte zaghaft mit den Armen. Der Wind trug ihn voran, aber er merkte, dass seine Armbewegungen seinen Körper gedreht hatten, sodass er parallel zur Wasseroberfläche lag und sein Kopf auf das Schiff gerichtet war. Er ruderte wieder mit den Armen. Nichts. Dann hörte er, wie Ammm aufgeregt schnatterte. Er schwamm jetzt direkt unter ihm.

Peter guckte ins Wasser und ... Boah! Sein Körper schoss plötzlich vorwärts gegen den Wind, wurde schneller ... Ich werde ins Meer fallen! Peter hob den Kopf. Sofort richtete sich sein Körper kerzengerade auf. Er kam nicht mehr voran und spürte, dass er vom Wind zurückgetrieben wurde. Mehr Geschnatter im Wasser. Zaghaft brachte sich Peter wieder in die Waagrechte, und es ging weiter voran, wenn auch langsamer. Ammm bringt mir das Fliegen bei. Peter probierte Verschiedenes aus. Er hob den Kopf, mal mehr, mal weniger. Er bewegte seinen Körper, ruderte mit den Schultern, den Armen und den Beinen und stellte fest, dass er mit den Bewegungen seine Richtung und seine Geschwindigkeit ändern konnte, dass er sich hob oder senkte, schneller oder langsamer wurde.

Der Wind heulte, der Regen peitschte sein Gesicht, aber Peter glitt beinahe mühelos durch den Sturm. Er flog jetzt weit über den Wellen, fünfzig Meter hoch oder mehr. Er wurde immer mutiger und dann aufgeregt und fast froh. Und dann fiel ihm plötzlich wieder alles ein. Es traf ihn wie ein Schlag. Das Schiff. Wo ist das Schiff? Peter blinzelte im Sturm, sah aber nur Dunkelheit und haushohe Wellen. Er wusste nicht, wie weit er geflogen war und in welche Richtung. Seine Freude war weg. Stattdessen ergriff ihn übermächtige Angst. Hier draußen bin ich verloren.

Und dann hörte er sie – trotz des Donnerns des Windes und der Wellen –, die hohen Töne, von irgendwoher aus der Dunkelheit des Meeres. Vorsichtig bewegte sich Peter durch die brodelnde Schwärze, schwebte langsam auf die schäumenden Wogen zu. Er folgte den Lauten, bis er endlich die gespenstisch graue Schnauze von Ammm erblickte.

»HIER BIN ICH!«, schrie Peter. Seine Stimme zitterte vor Erleichterung. »HIER!« Ammm richtete sich auf, tauchte, erhob sich wieder, blickte zu Peter zurück, drehte sich und tauchte von Neuem. Peter begriff, dass er ihm folgen sollte, beugte sich zu Ammm, der blitzschnell durch die Wellen tauchte, bis ... Da ist das Schiff.

Zwei Schiffe sogar. Peter sah im trüben Licht, dass die Niemalsland jetzt an dem schwarzen Schiff festgemacht war. Das Piratenschiff. Peter bremste sich und ruderte bis zur Steuerbordseite – der vom Piratenschiff abgewandten Seite – der Niemalsland. Als er näher kam, hörte er Schreie und sah, dass sich unbekannte Männer auf den Decks tummelten – Männer in Uniformen mit Säbeln. Peter glitt bis an den Rumpf, hielt sich versteckt und überlegte, was zu tun wäre.

Dann merkte er, dass etwas Beunruhigendes geschah: Er sank langsam, dem Wasser entgegen. Mit etwas Mühe gelang es ihm, wieder an Höhe zu gewinnen. Aber es wurde immer schwieriger, sich in der Schwebe zu halten. Ich muss wieder aufs Schiff, dachte er. Und zwar bald. Dann hörte er Mollys Stimme. Vom Deck, laut, ganz in der Nähe.
Und dann hörte er Schreie.